Im Rahmen eines Gesprächs über die Zukunft des nachhaltigen Tourismus in den Dolomiten interviewte Lucia Farenzena, CEO von Dolomiti.it, Walter Holzer, Inhaber des Berghotel Sexten. Daraus entstand eine konkrete Sicht auf Nachhaltigkeit, die tief in alltäglichen Entscheidungen verwurzelt ist und wichtige Impulse für die Zukunft des nachhaltigen Tourismus in den Dolomiten liefert.
Nachhaltigkeit: zuerst tun, dann darüber sprechen
Auf die Frage, was Nachhaltigkeit heute wirklich bedeutet, antwortet Holzer ohne Zögern:
„Wichtig ist, dass man es macht – gut macht und vollständig macht. Erst danach kann man darüber sprechen. Weniger Storytelling und mehr Praxis.“
Im Berghotel Sexten zeigt sich dieser Ansatz in konsequenten Entscheidungen im Alltag: sorgfältiger Umgang mit Ressourcen, Reduzierung von Abfällen und viele kleine Maßnahmen in allen Bereichen des Hotels – von der Küche bis zum Service.
Doch für Holzer beginnt alles außerhalb des Unternehmens.
Der erste Schritt ist das individuelle Verhalten:
„Man beginnt im Privatleben. Man muss versuchen, nicht zu verschwenden, Plastik zu reduzieren und sich jedes tägliche Handeln bewusst zu machen. Erst wenn das selbstverständlich wird, ist man bereit, es ins Unternehmen zu bringen.“
Es ist ein Weg vom Individuum zur Organisation, nicht umgekehrt. Nachhaltigkeit ist daher keine Top-down-Strategie, sondern eine Haltung, die im persönlichen Leben entsteht und erst später in die Arbeit übertragen wird.
„Man muss es leben: Es ist etwas, das man von innen nach außen trägt.“
Nachhaltige Entscheidungen und bewusste Gäste
Einige nachhaltige Entscheidungen hatten ihren Preis:
„Ja, das hat uns einige Gäste gekostet, die nicht wiedergekommen sind. Aber das waren Konsumenten, die immer alles neu wollen. Und das ist letztlich nicht unsere Zielgruppe.“
Gemeint sind Maßnahmen wie der nicht tägliche automatische Wechsel von Bademänteln und Bettwäsche oder ein bewussterer Umgang mit Serviceleistungen im Zimmer und im Restaurant.
Zum Beispiel können Gäste beim Abendessen dieselben Bestecke für mehrere Gänge verwenden – wie zu Hause. Maßnahmen, die den Verbrauch deutlich senken, aber Bewusstsein erfordern.
Wenn Luxus nicht Überfluss bedeutet
Ein zentrales Thema des Interviews ist das Verhältnis von Luxus und Nachhaltigkeit. Für Holzer ist echter Luxus nicht Überfluss, sondern bewusste Qualität.
„Weniger ist mehr. Auch beim Essen: weniger Fleisch, aber von besserer Qualität, von gut gehaltenen Tieren.“
Diese Sichtweise stellt das klassische Bild von Luxushotellerie infrage und prägt die tägliche Praxis im Berghotel Sexten.
Die Küche arbeitet mit regionalen, biologischen und Fair-Trade-Produkten und legt großen Wert auf frische, saisonale Zutaten. Traditionelle Rezepte bleiben erhalten, stark verarbeitete Produkte werden nicht angeboten.
Besonderer Fokus liegt auf kurzen Lieferketten: Kräuter aus dem eigenen Garten, Gemüse aus dem Sommergarten und Wasser aus lokalen Quellen.
„Wir versuchen, alle Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen, ohne unsere Identität zu verlieren.“
Ein Ansatz, der Küche und Nachhaltigkeit verbindet, Abfall reduziert und Rohstoffe wertschätzt – im Sinne der Slow-Food-Philosophie.
Die Gefahr der Nachhaltigkeit als Mode
„Die Gefahr ist, dass alle sagen, sie seien nachhaltig, es aber in Wirklichkeit nicht sind. Es wird zu einer Mode, nicht zu einer Haltung.“
Für das Berghotel ist Nachhaltigkeit kein Label, sondern ein integriertes System, das Energie, Küche, Abfallmanagement, Mobilität und sogar das Verhalten der Gäste umfasst.
Tourismus, Dolomiten und Nachhaltigkeit: die Gefahr des Overtourism
Zur Zukunft der Region sagt Holzer:
„Die größte Gefahr ist, dass alle an die gleichen Orte gehen.“
Das Problem betrifft nicht die Dolomiten insgesamt, sondern die Konzentration der Besucherströme auf wenige, durch soziale Medien populär gewordene Hotspots.
„Es gibt vier oder fünf Orte, die jemand auf Instagram entdeckt hat, und alle gehen dorthin.“
Für Holzer bedeutet nachhaltiger Tourismus nicht weniger Gäste, sondern bessere Steuerung: Verteilung, Organisation und Planung.
„Diese Orte müssen professionell gemanagt werden. Man kann nicht eingreifen, wenn das Problem bereits eskaliert ist.“
Nachhaltigkeit hängt auch von der Aufenthaltsdauer ab
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Aufenthaltsdauer.
„Wir schaffen es noch, einwöchige Aufenthalte zu haben.“
Diese Entscheidung ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ökologisch relevant:
„Je kürzer der Aufenthalt, desto höher der Verbrauch. Mehr Wasser, mehr Toilettenpapier, mehr Essen, mehr Exzess. Nach zwei bis drei Tagen pendelt sich alles ein. Deshalb sind längere Aufenthalte wichtig.“
Ehrlichkeit statt künstlicher Freundlichkeit
„Wir wollen keine falsche Freundlichkeit. Wir bevorzugen Authentizität, auch wenn wir dadurch weniger perfekt wirken.“
Diese Haltung prägt auch das Team: Vertrauen, Eigenverantwortung und Fehlerkultur sind zentrale Werte.
Ein Hotel aus der Bergwelt, nicht auf ihr
Die Nachhaltigkeit des Berghotel Sexten zeigt sich auch in der Architektur und Struktur: natürliche Materialien, Holz, Stein, Glas, erneuerbare Energie, reduzierte Kunststoffe, regionale Küche und kurze Lieferketten.
Ein Modell, das Komfort erhält und gleichzeitig den Begriff von alpinem Luxus neu definiert.
Die Zukunft: der eigenen Seele treu bleiben
Auf die Frage, wie er das Berghotel in 20 Jahren sieht, antwortet Holzer:
„Ich hoffe, dass es seine Seele behält. Ich möchte kein Hotel ohne Identität, das allen anderen gleicht.“
Das Berghotel Sexten steht für ein konsequentes Modell: Nachhaltigkeit wird nicht erklärt, sondern gelebt – und will nicht allen gefallen.
Und vielleicht fasst dieser Satz die gesamte Philosophie am besten zusammen:
„Entweder man lebt Nachhaltigkeit, oder sie existiert nicht.“